Das Alter bestimmt in Korea den richtigen Ton
In Korea ist das Alter nie Nebensache. Es gehört zu den ersten Dingen, die geklärt werden, sobald man sich besser kennenlernt. Dabei möchte ich nicht den biologischen Aspekt des Alters beleuchten oder thematisieren, auch wenn Koreaner zu den Menschen mit der höchsten Lebenserwartung weltweit zählen und oft deutlich jünger aussehen und wirken, als sie sind.
Entscheidend ist etwas anderes. In Korea beeinflusst das Alter den Umgang miteinander. Es prägt das Verhalten und die sozialen Rollen im Alltag, nicht nur in der Familie, sondern in fast jeder Begegnung und vor allem auch die Sprache und Ansprache.
Formell oder informell?
In Korea fragt man nicht nur, wie jemand heißt, sondern oft auch, wie alt jemand ist. Die Frage nach dem Alter ist deshalb meist eine der ersten Fragen in einem Gespräch. Nicht aus Neugier, sondern weil das Alter eine entscheidende Rolle für die weitere Kommunikation spielt. Es beeinflusst, welche Sprachebene man wählt, wie man sich verhält und wie man angesprochen wird.
Ich habe Freunde in Korea, die deutlich jünger sind als ich. Wenn wir zusammen etwas unternehmen, fühle ich mich vom Alter nicht unpassend oder fehl am Platz, aber ich musste lernen, mich sprachlich sowie in der Ansprache und auch im Verhalten richtig einzuordnen.

Mir war es manchmal unangenehm, jüngere Leute gleich beim Vornamen anzusprechen. In Deutschland ist das unkompliziert, in Korea nicht. Hier wartet man, bis man sich etwas besser kennt oder bis die jüngere Person es selbst anbietet.
Manchmal spreche ich jemanden mit dem Vornamen an und bleibe trotzdem in der formellen Sprache. Das ist oft eine gute Lösung, wenn man sich nicht sicher ist, welche Form angemessen ist. Auch wenn jemand jünger ist, sollte man nicht sofort ins Informelle wechseln.

Auch wenn ich persönlich gerne mit allen Leuten lieber gleich per „du“ bin, also im Koreanischen informell, wie unter Freunden rede, stört es mich manchmal, dass ich als Älterer oft auf die formelle Ebene festgelegt werde. Ich werde zwar respektvoll behandelt, aber selbst würde ich lieber informell angesprochen werden.

In Korea entspricht das Informelle in etwa dem deutschen „du“, das Formelle dem „Sie“. Der Unterschied zu Deutschland ist, dass sich diese Trennung durch die gesamte Sprache zieht, nicht nur bei der Anrede, sondern auch bei Satzendungen und Wortwahl. So sagt man zum Beispiel für „Danke“ formell „gamsahamnida“ und informell „gomawo“.
Spricht man informell, dann wird oft der Vorname mit einer Endung versehen wie „-ah“ oder „-ya“. Sie drücken eine enge Beziehung oder Vertrautheit aus und sind Teil des informellen Sprachgebrauchs. Man verwendet sie unter Gleichaltrigen, bei Jüngeren oder in sehr engen Beziehungen, aber niemals gegenüber Älteren oder Vorgesetzten. Bei Ji Yeong kann ich zum Beispiel „Ji Yeong-ah“ sagen, bei Misun „Misun-ah“. Endet der Name wie bei In Gyu auf einen Vokal, heißt es „In Gyu-ya“.
Wenn es um ältere Menschen geht, ist die Einordnung in Korea klar geregelt. Männer werden häufig mit „Hyung“ angesprochen, Frauen mit „Noona“, wenn sie nur ein paar Jahre älter sind. Für Menschen, die spürbar älter sind, verwendet man „Ajusshi“ oder „Ajuma“. Diese Begriffe benutze ich selbst, wenn ich ältere Personen anspreche. Sie sind nicht abwertend, sondern Teil des Alltags und zeigen Respekt.

Wie ich selbst angesprochen werde
Ich selbst werde je nach Situation unterschiedlich angesprochen: manchmal als „Hyung“, wenn es männliche Freunde sind. Eine gute Freundin nennt mich „Oppa“, andere sind damit vorsichtiger, weil das Wort auch oft im romantischen Kontext verwendet wird. Dennoch ist es in Korea durchaus üblich, dass jüngere Frauen ältere Männer auch im Freundeskreis so ansprechen. Jemanden, den man nicht gut kennt oder gar Fremde, spricht man so allerdings nicht an.
Oft nennen mich Bekannte einfach nur beim Vornamen. Von Fremden höre ich auch mal ein „Ajusshi“, was in etwa einem respektvollen „Herr“ entspricht.

Wo man vorsichtig sein muss
In Korea richtet sich die Sprache nicht nur nach dem Alter, sondern auch nach der Stellung einer Person. Gegenüber Kolleginnen, Vorgesetzten oder Menschen mit höherem sozialen Rang spricht man immer zuerst formell. Das gilt auch dann, wenn diese Personen jünger sind. Erst wenn sie selbst eine lockerere Ansprache anbieten oder ein Signal geben, kann man ins Informelle wechseln. Wer das ignoriert, wirkt schnell respektlos, auch wenn es nicht so gemeint ist.

In vielen Teams in Korea ist es üblich, dass zunächst alle formell miteinander sprechen – selbst wenn man gleich alt ist oder befreundet sein könnte. Die Struktur gibt den Ton an, nicht das persönliche Gefühl.
Fazit
Das das Alter über die Anrede und im Verlauf auch über die Sprache entscheidet, war mir zwar nicht neu, aber es hat meinen Blick verändert. In Deutschland spielt Alter oft keine große Rolle, manchmal wird es sogar übergangen. In Korea ist es von Anfang an präsent, durch Sprache, Gesten und Verhalten. Es schafft keine Distanz, sondern Nähe, weil es das Miteinander ordnet, ohne das Alter zu bewerten.


