[INTERVIEW] Selbstfahrender Shuttlebus startet am Cheonggyecheon
Am Cheonggyecheon in Seoul hat es eine Premiere gegeben. Zum ersten Mal in Korea fährt dort ein selbstfahrender Shuttlebus ohne Fahrersitz. Die Strecke verbindet den Cheonggye Plaza mit dem Gwangjang-Markt, und schon die ersten Fahrten haben gezeigt, wie stark das Interesse ist. Viele Passanten bleiben stehen, machen Fotos oder filmen den ungewohnten Anblick ohne Lenkrad.

Am 24. September 2025 begann der offizielle Betrieb. Die Stadt verbindet mit dem neuen Angebot mehr als nur einen Versuch. Sie sieht darin einen Schritt in die Zukunft der Mobilität in Korea, hin zu einem Nahverkehr, der innovativ und zugleich nachhaltig sein soll. Dass dieser Start mitten in Seoul stattfindet und nicht am Rand, zeigt die Bedeutung, die dem Projekt beigemessen wird.
Interview mit Juliana Baron
Eine der ersten Mitfahrer war meine Bekannte Juliana Baron, Vice President & General Secretary der Deutsch-Koreanischen Gesellschaft (DKG) in Bayern. Sie nutzte gleich am zweiten Einsatztag die Gelegenheit, mitzufahren.

Wie war deine erste Fahrt mit dem neuen Shuttle?
„Ich stieg am Vormittag gemeinsam mit drei Koreanerinnen ein, die von der Jungfernfahrt im Fernsehen erfahren hatten. Schon beim Einsteigen fiel mir auf, dass es keinen Fahrersitz gab. Kein Lenkrad, kein gewohntes Cockpit. Ich checkte zwar mit der T-Money Transportation Card ein, bezahlen musste ich aber nichts. Noch ist die Nutzung kostenlos, und das machte es einfach, den Bus spontan zu nehmen.“
Wie hat sich der Bus im Verkehr verhalten?
„Zunächst ging es ruhig los, die Straße war leer. Doch bald wurde es voller: Autos kamen aus Seitenstraßen, Motorroller, wie man sie ständig von Lieferdiensten sieht, schlängelten sich vorbei. Plötzlich überquerte ein Fußgänger bei Rot die Fahrbahn. Da legte der Bus eine Vollbremsung hin. Insgesamt fuhr er gleichmäßig, aber in unerwarteten Momenten reagierte er abrupt.“
Welche Eindrücke hattest du im Innenraum?
„Die Anzeigen waren spannend, weil ich sehen konnte, wie der Bus Fußgänger, Autos und Hindernisse erfasst. Die Warngeräusche fielen mir sofort auf. Bei hohem Verkehrsaufkommen, wenn Motorroller dicht am Fahrzeug entlangschlängelten, ertönte ein lautes Piepen. Auf Dauer empfand ich das als anstrengend. Das System hielt zudem großen Sicherheitsabstand und bremste stark, sobald sich Fahrzeuge oder Fußgänger näherten.“
Gab es Situationen, in denen das Personal eingreifen musste?
„Einmal standen wir hinter einem Auto mit Warnblinker und kamen nicht vorbei. Plötzlich ertönte ein elektronisches Hupen. Ich fragte den Sicherheitsmitarbeiter, ob der Bus autonom hupen könne. Er lachte und sagte, dass er die Hupe selbst betätigt hatte. Das machte mir deutlich, dass das System noch nicht jede Lage allein löst.“
Wie reagierten die Menschen draußen auf den Shuttle?
„Viele blieben stehen, manche zückten das Smartphone und filmten. Andere winkten uns zu. Noch ist es ungewohnt, ein Fahrzeug ohne Fahrer zu sehen. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass sich einige Anwohner schon an den Anblick gewöhnt haben.“
Wie lautet dein persönliches Fazit?
„Die Fahrt erinnerte mich ein wenig an die mit einem Fahranfänger: vorsichtig, mit abrupten Bremsungen und viel Abstand. Aber sie vermittelte mir schon jetzt ein Gefühl dafür, wie autonome Fahrzeuge künftig zum Stadtbild gehören können. Noch ist es ein Pilotprojekt mit Ecken und Kanten, doch für mich zeigt es klar, wohin sich Mobilität entwickeln wird.“
Zum ersten Mal fährt ein Bus autonom durch Seoul
Der neue Shuttlebus ist vollständig für den autonomen Betrieb entwickelt. Er hat keinen Fahrersitz und kein Lenkrad. Stattdessen übernehmen Kameras, Radar und Lasersensoren die Steuerung. Das Fahrzeug fährt mit einer Höchstgeschwindigkeit von 20 Kilometern pro Stunde, wobei sich das Tempo an die Gegebenheiten der Strecke anpasst.

Die Strecke umfasst 4,8 Kilometer zwischen Cheonggye Plaza und Gwangjang-Markt. Der Shuttle fährt werktags von 10 Uhr bis 16:50 Uhr im Halbstundentakt, mit einer Pause zur Mittagszeit. Am Wochenende pausiert der Betrieb, weil der Bereich am Cheonggyecheon dann als autofreie Zone genutzt wird. Damit ist der Einsatz klar eingegrenzt, aber für den Testbetrieb gut geeignet.
Jede Fahrt wird von einem Sicherheitsmitarbeiter begleitet. Er überwacht die Systeme und kann mit einem Steuergerät eingreifen, wenn es erforderlich ist. So wird die Technik erprobt, ohne dass die Sicherheit der Fahrgäste allein der Software überlassen bleibt.

Im Bus beginnt ein neues Erlebnis
Der Bus bietet Platz für acht Personen. Die Sitze sind in U-Form angeordnet, sodass sich die Fahrgäste gegenüber sitzen. Damit bleibt der Innenraum übersichtlich und wirkt offen, obwohl er relativ klein ist. Eine Rampe erleichtert den Einstieg für Rollstuhlfahrer, klappbare Sitze schaffen zusätzlichen Raum.
Im Fahrzeug gilt Anschnallpflicht, Stehen ist nicht erlaubt. Diese Regeln geben den Fahrten Struktur und sorgen für Sicherheit. Gerade in dieser frühen Phase ist das für viele Mitfahrer beruhigend, weil sie sehen, dass die Abläufe klar vorgegeben sind.
Auf Displays erscheinen während der Fahrt Informationen zu Geschwindigkeit, Strecke und Ankunftszeit. Dazu kommt eine schematische Darstellung, wie das Fahrzeug die Umgebung erfasst. Fahrgäste können so nachvollziehen, wie die Technik arbeitet und welche Objekte erkannt werden.

Die Stadt testet Zukunft im Alltag
Mit dem Cheonggye A01 will die Stadt zeigen, dass autonomes Fahren mehr sein kann als eine technische Machbarkeitsstudie. Die Wahl des Cheonggyecheon als Standort ist bewusst getroffen: Hier sind täglich viele Menschen unterwegs, und der Bus wird unmittelbar Teil des Alltags.
Die Verbindung zwischen Cheonggye Plaza und Gwangjang-Markt ist nicht zufällig. Beide Orte sind stark frequentiert, und die Strecke liegt mitten in einem belebten Teil der Innenstadt. Damit erreicht das Angebot viele verschiedene Fahrgäste, vom Touristen bis zum Berufspendler.

In Zukunft ist eine Erweiterung des Betriebs vorgesehen. Geplant sind längere Betriebszeiten, zusätzliche Linien und eine bessere Integration in das bestehende Nahverkehrsnetz. Auch Echtzeitdaten in Apps und an Haltestellen sollen bald verfügbar sein. Damit könnte aus der Premiere ein dauerhafter Bestandteil des Nahverkehrs werden.

Fazit
Der Start des Shuttles am Cheonggyecheon ist mehr als ein technisches Experiment. Zum ersten Mal in Korea fährt ein Bus autonom im Stadtverkehr, und die Menschen können miterleben, wie sich eine neue Form der Mobilität in den Alltag einfügt.
Die Resonanz zeigt, dass das Interesse groß ist. Medien berichten ausführlich, in den sozialen Netzwerken werden Videos geteilt, und auf der Straße bleiben Passanten stehen, um den Bus zu sehen. Sichtbarer kann ein Anfang kaum sein. So wird deutlich, warum die Stadt von einem großen Schritt in eine nachhaltige Zukunft der Mobilität in Korea spricht.
Bei meinem nächsten Besuch in Seoul möchte ich das selbst auch ausprobieren und mitfahren.


