Suneung in Korea ist der wichtigste Tag der Schulzeit
Am 13. November ist in Korea die Suneung (수능), die zentrale Hochschulaufnahmeprüfung. Für Millionen von Schülern ist es der Tag, auf den sie seit zwölf Jahren hinarbeiten. Das Ergebnis bestimmt, ob sie eine Universität besuchen und welchen weiteren Weg sie einschlagen.
Bereits in den frühen Morgenstunden merkt man, dass dies kein gewöhnlicher Tag ist. Die Straßen um die Schulen werden gesperrt, und die Busse und Bahnen fahren häufiger. Die Polizei erhöht den Verkehrsdienst und hat Streifenwagen und Motorräder bereit, um in Einzelfällen verspätete Schüler bis zur Schule zu bringen. In den Hörverständnisteilen passen Flughäfen Start und Landung von Flugzeugen an, um Lärmstörungen zu vermeiden. Viele Unternehmen und Behörden starten später, damit Eltern ihre Kinder begleiten können. Vor den Schulen warten Familienangehörige, oft mit Glücksbringern, warmen Getränken oder stillen Gebeten.

Ich glaube, fast jeder, der sich für Korea interessiert, hat schon einmal eine Schulszene in einem K-Drama gesehen. Auch ich kannte den Unterricht, die typischen koreanischen Schuluniformen und den teilweise großen Lerndruck zunächst nur von dort. Erst als ich mich genauer mit dem koreanischen Schulalltag beschäftigte, wurde mir klar, wie intensiv die Vorbereitung auf das Suneung wirklich ist.

Der Weg zum Suneung
Um zum Suneung zu gelangen, durchläuft man ein einheitliches Schulsystem: sechs Jahre Grundschule, drei Jahre Mittelschule und drei Jahre Oberschule. Das sind insgesamt zwölf Jahre bis zur Hochschulaufnahmeprüfung. Nach neun Jahren, mit dem Abschluss der Mittelschule, ist die Schulpflicht beendet. In der Realität besuchen fast alle Jugendlichen die Oberschule und erhalten nach drei weiteren Jahren ihr Abschlusszeugnis. Bereits nach der Mittelschule wechseln nur wenige direkt in Ausbildung oder Beruf.
Das Suneung ist eine Hochschulzulassungsprüfung und kein Schulabschluss. In Deutschland dient das Abitur als Abschluss der Schule und als Berechtigung für den Zugang zur Hochschule. In Korea bekommt jeder, der die Oberschule beendet, ein Abschlusszeugnis. Ob man den Weg zu einer angesehenen Universität antreten kann, entscheidet einzig das Suneung. Deshalb nehmen viele Schüler den Test ein zweites Mal in Angriff, wenn die Ergebnisse nicht ausreichen. Das Suneung ist ein Meilenstein, der das Leben vieler Jugendlicher stärker beeinflusst als jedes andere Ereignis während ihrer Schulzeit.

Die Prüfung hat eine Dauer von fast neun Stunden. Die Pflichtfächer sind Koreanisch, Mathematik, Englisch und Koreanische Geschichte. Neben den Pflichtfächern gibt es, ähnlich wie beim deutschen Abitur, auch prüfungsrelevante Wahlfächer. Hierzu zählen in den Naturwissenschaften Biologie, Chemie oder Physik, in den Gesellschaftswissenschaften Fächer wie Geschichte, Politik oder Geografie.
Wenn die Prüfung vorbei ist, fällt die Anspannung spürbar ab. Viele Schüler gehen mit Freunden essen oder einfach spazieren. Für einen Moment ist der ganze Druck verschwunden, und sie können endlich durchatmen.

Der Alltag in der koreanischen Schule
In Korea startet ein Schultag um etwa acht Uhr. Zu diesem Zeitpunkt wird auch die Anwesenheit überprüft. Die Unterrichtsstunden sind auf fünfzig Minuten angesetzt, und dazwischen gibt es kurze Pausen von etwa zehn Minuten. Die einzige längere Unterbrechung ist die Mittagspause, die etwa vierzig bis fünfzig Minuten dauert. In dieser essen die Schüler gemeinsam in der Mensa oder im Klassenzimmer. Tagsüber bleibt man normalerweise auf dem Schulgelände.
Am Nachmittag kommen oft weitere Stunden hinzu, ergänzt durch Clubs oder Sportangebote. Der offizielle Unterricht endet meist gegen 15 oder 16 Uhr, doch viele Oberschulen haben am Abend zusätzliche Lernzeiten im Angebot. Wer bleibt, sitzt an Aufgaben, geht den Stoff noch einmal durch oder bereitet sich auf Prüfungen vor. Danach stehen Hausaufgaben oder der Besuch eines Hagwon auf dem Programm, denn fast alle Schüler gehen neben dem staatlichen Unterricht noch zu diesen privaten Nachhilfeinstituten, die Hagwons heißen. In diesen Fächern wie Englisch, Mathematik oder Naturwissenschaften erfolgt eine Vertiefung des Lernens. Hagwons, die man als kleine Schulen betrachten kann, haben feste Stundenpläne und Prüfungen. Weil sie fest an die Notwendigkeit glauben, dass nur zusätzliche Förderung den Weg zu einer guten Universität öffnet, stecken viele Familien viel Geld in diese Überzeugung. Für viele Schüler ist das herausfordernd, weil sie oft bis in die Nacht lernen.

Anders als in Deutschland ist es für Schüler ab der Mittelschule verpflichtend, Uniformen zu tragen. Eine Besonderheit ist die Verantwortung für die Sauberkeit: Klassen fegen die Böden, leeren die Mülleimer und wischen die Tafel. In Deutschland ist es nicht üblich, dass die Schüler Ihre Klassenrume putzen und den Mülleimer entleeren.
Koreanisch, Mathematik, Englisch und Naturwissenschaften stehen auf dem Stundenplan. Es gibt auch Fächer, die in Deutschland weniger verbreitet sind, wie zum Beispiel Moralunterricht. Bis zum Ende der Schulzeit ist Koreanische Geschichte ein Pflichtfach. Auch Sport, Musik und Kunst sind dabei. Vereine wie Chor, Theater, Tanz oder Basketball gehören zum festen Bestandteil des Schullebens. In Deutschland verbringen Schüler ihre Freizeit meist in Vereinen, während in Korea solche Aktivitäten stärker mit der Schule verbunden sind.
In diesem Umfeld haben Lehrer ein hohes Ansehen. Schüler empfangen sie mit Respekt. In Deutschland ist das Verhältnis deutlich informeller, während es hier viel formeller ist.
Wenn man den Aufwand und die Intensität des Lernens in Korea sieht, wird deutlich, wie stark Bildung das Leben prägt. Ich habe miterlebt, wie anspruchsvoll die Prüfungszeit sein kann. Meine Tochter hat 2024 Abitur gemacht und ein halbes Jahr lang fast jeden Abend zusätzlich gelernt, um gut vorbereitet zu sein. Wenn ich Berichte aus Korea lese, habe ich den Eindruck, dass der Lernaufwand dort noch intensiver ist und der Druck auf die Schüler deutlich größer. Auch meine eigene Schulzeit, die Prüfungen und das Studium waren fordernd, und ich bin froh, dass ich diese Phase heute nicht noch einmal durchlaufen muss.

Suneung und Prominente in Korea
Der Suneung prägt nicht nur das Leben vieler Schüler, sondern ist auch in der Öffentlichkeit ein Thema. Viele bekannte K-Pop-Stars und Schauspieler haben über ihre eigenen Erfahrungen mit der Prüfung gesprochen. Han Ga-in erzielte 384 von 400 Punkten und erzählte später, dass sie sich während der Schulzeit ganz auf das Lernen konzentriert habe. Auch Song Joong-ki und Park Jung-min berichteten in Interviews, wie stark der Wettbewerb war und wie intensiv sie sich auf den Suneung vorbereitet haben. Solche Einblicke zeigen, welchen hohen Stellenwert Bildung und Leistung in Korea haben, selbst bei Prominenten, deren Leben später ganz anders verlief.

Im November 2024 nahmen einige K-Pop-Idole wie Park Ji-hoo (Evnne) und Eunseop (Lun8) am Suneung teil, während sich andere wie Haerin (NewJeans) bewusst auf ihre Karrieren konzentrierten. Viele Stars, vor allem aus der K-Pop-Szene, schicken jedes Jahr aufmunternde Botschaften an ihre Fans, die sich der Prüfung stellen. Damit wird deutlich, dass der Suneung längst auch kulturell eine Rolle spielt, als gemeinsamer Moment von Anstrengung, Erwartung und Zusammenhalt.

Fazit
In Korea ist das Suneung die entscheidende Prüfung während der gesamten Schulzeit. Alles, was in den letzten zwölf Jahren im Unterricht passiert ist, kulminiert an diesem einen Tag. Er entscheidet, ob sich die Türen zu den Universitäten öffnen. Für die Schüler bedeutet das viel Anspannung, für ihre Familien Mitfiebern und Hoffen. Der 13. November ist ein Datum, das das Leben vieler Familien wie kaum ein anderes prägt.
Wer an diesem Tag im Prüfungsraum sitzt, hat Jahre intensiven Lernens hinter sich. Bereits in der Grundschule hört man den Begriff Suneung, und je näher der Termin rückt, desto größer wird der Druck. Für viele Schüler ist der geregelte Schulalltag mit langen Tagen, Hausaufgaben und zusätzlichem Unterricht selbstverständlich geworden, und doch mündet er schließlich in dieser einen Prüfung, die über den weiteren Weg entscheidet.
Am Suneung-Tag drücke ich allen Prüflingen fest die Daumen.
힘내요 (hwaiting/fighting)


